17. Januar 2016

Die Äbte des Klosters

Die kirchliche Welt in Italien hat gerade einen neuen Skandal. Diesmal geht es vornehmlich um's Geld. Und um Montecassino. Der Ex-Abt des Klosters wird beschuldigt, eine halbe Million Euro aus dem Klostervermögen in seine eigene Tasche abgezweigt zu haben. Für mich ein Anlass, einmal das "Who is Who" des Benediktiner-Stammsitzes vorzustellen, soweit es für die Geschichte der Cassino-Schlachten eine Bedeutung hat.

Doch vorher kurz zum Skandal: Pietro Vittorelli legte eine recht beeindruckende Karriere in der Kurie hin. Mit 27 Jahren trat er in die Benediktinerabtei ein und wurde 5 Jahre später Priester. 2007 wurde er mit 45 Jahren Abt von Montecassino, nachdem sein Vorgänger und Mentor zum Erzbischof von Gaeta ernannt wurde. Sechs Jahre später legte er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nieder - man sprach von einem Schlaganfall. Vor zwei Monaten kam nun heraus, dass Vittorelli einen luxuriösen und für einen Priester recht unorthodoxen Lebensstil pflegte. Mehr als 500.000 Euro soll Vittorelli für Immobilien (er besitzt angeblich 4 Häuser in der Gegend um Rom), Kokain und Einkaufsbummel in London und Paris verprasst haben. Es sei wohl vorgekommen, dass er monatlich schon mal 34.000 EUR über seine Kreditkarte gezogen hat. Das Ganze ist während seiner aktiven Zeit als Abt passiert und jetzt durch die Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten ans Licht gekommen. Die Polizei ermittelt, doch der Vatikan hat erst einmal die beiden kirchlichen Whistleblower festgesetzt und vor den Kadi gezerrt.

Nach diesen aktuellen Ereignissen zurück zum eigentlichen Thema:

Die Liste der Äbte ist natürlich ellenlang, so will ich mit dem 296. Erzabt des Klosters einsteigen: Bonifaz Maria Krug, ein deutscher Benediktiner, der von 1897 - 1909 Abt der Abtei war. Mit ihm begann gewissermaßen eine Renaissance der Abtei. Bonifaz Krug wurde 1838 in Hünfeld bei Fulda geboren. Seine Mutter wanderte 1844 nach Amerika aus, er konvertierte zum katholischen Glauben und wurde in Pennsylvania Priester. 1863 kehrte er nach Europa zurück und blieb zunächst in Rom. Im Jahr 1897 wird er Abt von Montecassino und widmete sich dem wirtschaftlichen und künstlerischen Aufbau des Benediktiner-Stammsitzes. 

Abate Krug mit Herzogenpaar Savoia D'Aosta 1905

So ließ er mit eingeworbenen Geldern die Krypta der Basilika von Künstlern aus dem Kloster Beuron neu ausgestalten, unter anderem stiftete Kaiser Wilhelm II. anlässlich seines Besuchs im Mai 1903 hierfür ein Mosaik. Die Vollendung der Krypta (um 1910) erlebte Krug selbst nicht mehr. Er starb 1909, sein Nachfolger wurde Gregorio Diamare. Jene Krypta sollte dann das einzige sein, das die Bombardierung vom 15. Februar 1944 einigermaßen überstehen würde. 

Der Treppengang zur Krypta

In den ereignisreichen Jahren 1943/44 war also besagter Gregorio Diamare der Erzabt des Klosters. Er ist auf vielen Bildern aus der Zeit zu sehen. Berühmt geworden sind eine Reihe von Fotos, die ihn im Oktober 1943 zusammen mit Oberstleutnant Schlegel beim Abtransport der Kunstschätze des Klosters zeigen.

Diamare mit Schlegel - halb verdeckt hinter dem Abt sieht man Matronola
Schlegel, Diamare und (rechts abgeschnitten) Matronola
Diamare ist auch jener Abt, der die Zerstörung des Klosters miterlebt hat und der die berühmte Erklärung verfasste, dass sich vor der Bombardierung keine deutschen Soldaten im Kloster aufgehalten hatten.

Die berühmte Erklärung

Später, im Hauptquartier von General von Senger, gab er dem deutschen General ein Interview, von dem es noch ein Transkript gibt. Hier ein Bild von der Verabschiedung durch General von Senger in Castelmassimo:


Diamare stirbt kurz nach dem Krieg am 6. September 1945 in Sant'Elia Fiumerapido (in der Nähe von Cassino) an Malaria.


Ildefonso Rea, *1896-1971, eigentlich Matteo Renato Rea, war der Abt des Wiederaufbaus. Er gehörte nicht zu den Mönchen, die während der Bombardierung im Kloster waren, sondern war zu der Zeit als Bischof in Cava de' Tirreni der Nähe von Neapel tätig.

Rea wurde Nachfolger des 1945 verstorbenen Abtes und sorgte in den folgenden zehn Jahren dafür, dass das Kloster anhand der geretteten Pläne mehr oder weniger originalgetreu wieder errichtet wurde. "Com'era e dov'era" (wie war und wo es stand) - ein Satz, den man immer wieder im Kloster lesen kann, war das Leitmotiv von Ildefonso Rea. Nach seinem Tod 1971 wurde dann Martino Matronola zum Abt gewählt. 



Matronola wurde 1903 in Cassino geboren und gehört mit zu den Mönchen, die während der Bombar-dierung im Kloster ausharrten. Er ist als Begleiter und Dolmetscher von Abate Diamare auf vielen Fotos zu sehen. Aus der Nachkriegszeit habe ich nur das Fotos rechts finden können. 

Später veröffentliche Matronola das Buch Il bombardamento di Montecassino. Diario di guerra - in der Autorenschaft mit dem verstorbenen Dom Eusebio. Er blieb bis 1983 Abt des Klosters und verstarb 1994.

Dom Eusebio im Gespräch mit einem deutschen Soldaten (Oktober 1943)
Zu Schluss will ich noch kurz auf jenen Dom Eusebio Grossetti eingehen. Er gehörte ebenfalls zur Gruppe der Mönche, die im Winter 1943/44 im Kloster geblieben waren. Im Film "Montecassino nel cerchio del fuoco" von 1946 spielt die Figur eine zentrale Rolle; Dom Eusebio ist als feinfühliger und künstlerisch veranlagter Mönch dargestellt, der sich aufopfernd um die Leute kümmert, die im Klos-ter Unterschlupf suchen. Im Film wie in der Realität erlebte Dom Eusebio die Bombardierung nicht mehr: er verstarb am 14. Februar 1944 an einer Infektion, die er sich vermutlich bei der Versorgung der Kranken zugezogen hatte.

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