7. September 2015

Cavendish Road und Phantom House - Zweiter Teil

Hier folgt nun die Fortsetzung meiner Exkursion zum „Phantom House“. Den ersten Teil könnt ihr hier lesen.

In seinem Text hatte Livio Cavallaro beschrieben, wie er zunächst versucht hatte, vom Madras Circus aus Phantom House zu erreichen. Diesen Weg hatten auch die Polen im Mai 1944 genommen, als sie versuchten, die Deutschen endgültig aus ihrem Vorposten zu vertreiben. Vor siebzig Jahren gab es hier keinen Strauch und keinen Baum, doch mittlerweile wachsen rechts und links der Wege dichte Brombeerbüsche, die ein Vorankommen kaum möglich machen. Und so bereiteten die dornigen Büsche Cavallaro einige Probleme und als er schließlich auch noch auf alten Stacheldraht stieß, gab er auf und machte kehrt.

Phantom House 1944
In seinem zweiten Versuch näherte sich Cavallaro vom Phantom Ridge aus - quasi von oben - und hatte damit Erfolg. Seine Erfahrung wollten Pino und ich nutzen. Nach unserer kleinen Mittagspause machten wir uns wieder auf den Weg. Kurz hinter dem Tank Memorial öffnet sich der Pfad in eine Hochebene, in der Massa Albaneta liegt. Das Gehöft war eine schwer verteidigte Position der deutschen Linie und bereits im März 1944 Schauplatz eines Panzervorstoßes, der äußerst verlustreich für die Alliierten war.

Noch vor Massa Albaneta bogen wir allerdings an einer Abzweigung nach rechts ab und stiegen zum Phantom Ridge hinauf: der Grad liegt auf gut 600 Meter. Nach einer knappen halben Stunde waren wir schließlich auf dem Bergrücken angekommen und hatten einen phantastischen Blick auf den Monte Cairo – laut Pino immer ein gutes Zeichen, denn wenn die Bergspitze von Wolken umgeben ist, droht oft ein Wetterumbruch.

Wenige Minuten später blickte Pino auf sein GPS. Wir waren ungefähr auf der Linie angekommen, auf der das Phantom House einige hundert Meter hangabwärts liegen sollte. Die Daten mit denen Pino sein GPS gefüttert hatte, waren nur angenähert: im schlechtesten Fall hatten wir eine Fläche von ca. einem Hektar abzusuchen, was in dem Gelände nicht ganz einfach wäre. Zusätzlich zu seinem GPS hatte Pino noch ein weiteres – low-tech – Tool eingepackt, das nun zum Einsatz kommen sollte und uns unglaublich nützlich wurde: eine Gartenschere. Ich glaube sogar, dass wir es letztlich ohne GPS geschafft hätten – ohne das Schneidwerkzeug allerdings nicht …

Auch wenn der Hang nicht allzu dicht von Brombeeren bewachsen war, so versperrten immer wieder dornige Zweige den Weg und machten manche Durchgänge unpassierbar. Pino knipste in solchen Fällen ein paar der lästigen Zeige weg und so konnten wir immer tiefer in das Gewirr aus Pfaden und kleinen Lichtungen vordringen. Das GPS zeigte uns die grobe Richtung, allerdings mussten wir wegen der Vegetation häufig Umwege nehmen und entsprechend oft musste Pino stoppen und seine Gartenschere zücken.

Irgendwann fielen mir am Boden Steine auf, die offensichtlich von jemandem aufgestapelt worden waren. Ich machte Pino darauf aufmerksam und wir waren uns nach kurzer Beratung einig, dass dies wahrscheinlich Wegmarken waren. In den nächsten Minuten folgten wir dem natürlichen Pfad und entdeckte noch weitere Steinstapel. Dann bemerkte Pino an einer Stelle abgeschnittene Zweige und wir waren uns nun sicher, dass wir richtig lagen.


Schließlich erreichten wir eine Stelle, an der sich der Weg verzweigte und Pino ging ein paar Schritte voraus, um die erste Möglichkeit zu erkunden. Ich kletterte derweil auf die Böschung hinauf, um zu sehen, was dahinter lag.

Einige Meter entfernt im Dickicht konnte ich eine Steinmauer erkennen. Volltreffer!

Ich rief nach Pino. An meiner Freude ahnte er bereits, was ich gefunden hatte. Er kletterte nun ebenfalls die Böschung hinauf und konnte es kaum fassen. Wir hatten das Phantom House gefunden.


Die Ruinen des alten Farmhauses lagen völlig versteckt hinter Bäumen und Büschen verborgen. Aber ohne Zweifel war es das Phantom House, wie man an dem Fenster erkennen konnte. Unglaublich, dass hier im Grunde genommen alles unverändert geblieben war, wenn man einmal von der Vegetation absah. Eine Veränderung stach jedoch ins Auge: neben dem Fensterausschnitt war an der Wand eine Holztafel und eine polnische Flagge angebracht. Die Holztafel war nicht alt und ebenfalls mit einer polnischen Beschriftung.


Pino speicherte unsere Position in sein GPS und dann schauten wir uns weiter um. Vom Haus stand im Wesentlichen eine Hauswand. Recht gut konnte man noch den Eingang mit Treppenstufen aus Stein erkennen, der Eingang selbst war jedoch zerstört. Der Bereich hinter der Wand war nur sehr schwer zugänglich, da hier mehr oder weniger alles zugewachsen war. Da wir nicht wussten, wie stabil die Steinmauer noch war, verzichteten wir auf unnötige Klettereien auf den Mauern.

Einige Meter vom Haus entfernt und unter Büschen verborgen entdeckten wir eine Senke, die mit Steinen umrandet und befestigt worden war, eventuell eine Mörser- oder MG-Stellung. Am Boden lag ein Teil einer Mörsergranate.


Um das Haus herum konnte man an mehreren Stellen Munition, Überreste von Dosen und andere Metallteile finden. Besonders die Gewehrmunition war noch recht gut erhalten und teilweise noch nicht verschossen. Dem Anschein nach waren es Patronen für den K98-Karabiner und die MP40-Maschinenpistole.






Schon irre, dass der Ort immer noch mehr oder weniger so zu finden ist, wie er vor 70 Jahren verlassen wurde. Nur wenige kommen hier hoch, was ich auch auf meinen anderen Wanderungen immer wieder feststellen konnte: bis auf wenige Ausnahmen war ich über mehrere Stunden der einzige Mensch, der in den Bergen unterwegs war.

Pino und ich verweilten noch eine Zeit lang am Phantom House bis wir wieder aufbrachen und uns an den Abstieg Richtung Albaneta machten. Wir hofften, dass dieser Ort weiterhin so wenig entdeckt und besucht würde, damit er noch lange so zu sehen bleibt.

Zurück in Deutschland habe ich übrigens eine polnische Kollegin gebeten, mir den Text auf der Holztafel zu übersetzen. Sinngemäß heißt es dort:

"Du bist in Pflichterfüllung gefallen, so wie es sich für einen rechtschaffenen Polen gehört (O.Matkowska). An dieser Stelle fiel am 12. Mai 1944 Walery Gorgolewski, ein polnischer Soldat aus Ostrzesow. Ostrzesow - Monte Cassino 2013". 

Sergeant Gorgolewski, der mit einem "Niech żyje Polska" (Es lebe Polen) auf den Lippen gestorben sein soll, liegt in Grab 5-D-10 auf dem polnischen Friedhof. Bei weiteren Recherchen im Internet bin ich übrigens auf eine Seite gestoßen, in der zwei Polen von der Aktion berichten, bei der sie die Gedenktafel angebracht haben.

1. September 2015

Cavendish Road und Phantom House - Erster Teil

Im vergangenen Jahr hatte ich das Vergnügen, eine längere Wanderung zusammen mit Pino Valente zu machen. Pino ist der Besitzer und Manager des Hotel La Pace in Cassino, in dem ich zum zweiten Mal zu Gast war. Er ist unglaublich hilfsbereit, wenn es um die Planung von Touren, um Auskünfte und Kontakte geht. Und er zieht auch gerne selbst mit seinen Gästen los.

Bei meiner Ankunft fragte mich Pino, ob ich bestimmte Pläne hätte und ich zeigte ihm einen Artikel von Livio Cavallaro, der vor ein paar Jahren auf dem Phantom Ridge war. Auf diesem Bergrücken liegt das legendäre "Phantom House", das von den Polen "Domek na Widmie" genannt wurde. Pino studierte den italienischen Bericht von Livio Cavallaro und war gleich begeistert. Wir warfen einen Blick auf meine Kopie einer Karte von 1944 und waren uns einig: wir wollten ebenfalls das Phantom House finden. Zwar hatten wir auch nach dem Lesen und Recherchieren nur eine grobe Vorstellung davon, wo das Haus genau liegen würde, doch letztlich war es genau das, was uns an diesem "piccola avventura" reizte. Pino speicherte ein paar Wegpunkte in sein GPS, packte eine Gartenschere in seinen Rucksack und los ging's.


Wir hatten uns entschieden, über die Cavendish Road bis Massa Albaneta zu gehen und von dort den Aufstieg zum Phantom Ridge zu machen. Ein Bekannter von Pino brachte uns mit dem Auto zum Anfang der Cavendish Road; in den vergangenen Jahren wurde immer mehr der alten Pionier-Straße freigeschnitten, so dass man diese mittlerweile recht gut begehen kann. Im September 2013 trafen sich mehrere hundert Leute aus der Gegend, um auf einer gemeinsamen Wanderung zum ersten Mal seit Jahren wieder die Cavendish Road bis zum Kloster zu gehen. Pino war damals mit dabei und völlig überrascht, dass so viele gekommen waren.


Wie Ihr auf dem Fotos erkennen könnt, ist seitdem einiges geschehen: es gibt eine große Info-Tafel, ein paar Wegweiser und die Strecke wurde mit rot-weiß-roten oder rot-weißen Wegmarkierungen versehen. Nicht so perfekt wie in den deutschen Mittelgebirgen, aber es erleichtert die Orientierung.

Wie gesagt - die Cavendish Road war lange Zeit nur ein Name in den Geschichtsbüchern und die Brombeeren wucherten dicht über den Weg und irgendwie denkt man da plötzlich an das alte Märchen ... denn tatsächlich war der Weg in der Vergangenheit nur mit Mühen begehbar. Man konnte sich kaum vorstellen, dass hier einmal Panzer entlang rollten .... und ehrlich gesagt, fällt das auch heute noch schwer ....

Die Luft an diesem Morgen war noch kühl und feucht und die Strecke zu Beginn erinnerte ein wenig an einen kleinen Waldweg in einem Mittelgebirge. Der Weg führte beständig voran und die meiste Zeit mussten wir hintereinander gehen. Nach einer knappen halben Stunde kamen wir an eine Stelle, an der ich alleine sicherlich vorbei gelaufen wäre. Auf Pinos Anweisung hin kletterte ich die Böschung am rechten Rand des Weges hinauf und blickte auf einen Grabstein mit drei Namen. "Affratellati nel destino. Fardelli Constantino. Fardelli Antonio. Miele Michele. Volarono in cielo".


Die drei Jungen, fünfzehn, elf und neun Jahre alt, sind hier 1947 durch eine Explosion von Blindgängern ums Leben gekommen. Solche Unfälle gab es in den Nachkriegsjahren nicht selten. Kinder spielten in den Trümmern und in der Umgebung, beteiligten sich teilweise auch aktiv an der Suche nach Blindgängern und Munition, um sich ein paar Lire zu verdienen. Und da passierte hin und wieder ein Unglück ....

Nach einiger Zeit kommt man an die Stellen, die auch auf einigen historischen Fotos zu sehen sind. Auf italienisch heißt die Gegend "Vallone del Dente" - das Zahn-Tal. Schaut man auf eine Karte, so laufen zwei tiefe Einschnitte, die das Wasser in den Hang gegraben hat, aufeinander zu und sehen von oben betrachtet wie ein riesiger, spitzer Zahn aus.


Am südlichen der beiden Einschnitte machten wir eine kleine Foto-Pause. 



Irgendwann fiel uns am Wegesrand ein frisch gebuddeltes Loch auf und als ich das Loch etwas näher untersuchte, entdeckte ich eine zerbeulte Patrone. Höchstwahrscheinlich war hier jemand mit einem Metalldetektor unterwegs und hat die Patrone als uninteressantes Fundstück liegen gelassen.


Mittlerweile schien die Sonne und es wurde heißer und schwüler. Ständig flogen uns irgendwelche Brummer um den Kopf, von denen man nicht genau sagen konnte, ob es dicke Mücken, Bremsen oder einfach nur harmlose Fliegen waren. Glücklicherweise hatte ich mein Mückenspray dabei und wir dieselten uns ein, um auf Nummer Sicher zu gehen. So konnte man dann auch endlich mal in Ruhe den Blick ins Tal genießen.


Pino hatte durch Zufall im Vorjahr einen Fund gemacht, als er mit der großen Gruppe anlässlich der Wiedereröffnung der Cavendish Road unterwegs war. Er hatte es damals nicht mitgenommen, sondern sicher abgelegt und nun umgehend wieder gefunden. Vermutlich ein Teil einer Munitionskiste. 


Im weiteren Verlauf kamen wir dann an eine Stelle, an der die ursprüngliche Strecke noch nicht freigeschnitten wurde und versperrt ist. Der Weg nimmt eine anderen Verlauf. Pino wusste nicht, ob irgendwann in Zukunft dieser Teil noch passierbar gemacht werden soll. 


Auf dem Weg ging es bis hierhin langsam aber stetig bergan, nun hatten wir auf knapp 500 Metern das Ende des Anstiegs erreicht und wanderten bis zu unserem Zwischenstopp mehr oder weniger auf dieser Höhe weiter. Nach gut 2 Stunden und kurz vor unserem Mittagsziel blieben wir an einem Baum stehen. Es war eine Platane, die einzige hier weit und breit. Man erzählt sich die Geschichte, dass nach dem Krieg ein polnischer Soldat hierher zurück kam und eine Platane pflanzte, zum Dank, dass er die Schlacht und den Krieg überlebt hatte. Der Baum wäre demnach gut 70 Jahre alt.


Am nächsten Tag entdeckte ich tatsächlich noch eine weitere Platane: in der Stadt gibt es an der Kreuzung Via Abruzzi / Via Molise - eine, die deutlich größer ist als die an der Cavendish Road und die den Krieg sogar überstanden hat. Ich mag die Geschichte mit dem polnischen Soldaten und der Platane und denke, dass sie wahr ist ...

Nun war es nur noch ein kurzes Stück und wir mussten uns nun in der Nähe des "Madras Circus" befinden. "Madras Circus" war die Bezeichnung für das Plateau unterhalb des Colle Maiola. Hier war ein Sammelpunkt für Fahrzeuge und Infanterie, da das Gelände ab hier für Panzerbewegungen geeignet war.


Nach insgesamt zweieinhalb Stunden einer gemütlichen Wanderung (es waren bis hierhin knapp 5 km) erreichten wir dann unser Etappenziel: das Panzerwrack des "Sultan" von Leutnant Bialecki. Lange vergessenes und seit kurzem wieder entdecktes Denkmal. Für die Polen ist es das Pomnik Pulku 4 Pancernego "Skorpion" - das Denkmal des 4. Panzerregiments "Skorpion". Bei den Italienern oft "Carro Polacco" oder eben das "Polish Tank Memorial".


Das Tank Memorial ist für mich das ergreifenste Denkmal in und um Cassino. Der Sherman brannte aus, nachdem er am 12. Mai 1944 auf eine Mine fuhr. Von der fünfköpfigen Crew überlebte niemand. Das Wrack blieb seitdem unverändert an Ort und Stelle und nach dem Krieg errichteten polnische Pioniere daraus das Denkmal, das 1946 eingeweiht wurde.


Im folgenden Teil erzähle ich Euch, was die Gartenschere damit zu tun hat, dass wir das Phantom House gefunden haben ....