14. August 2015

Buchvorstellung: Cassino 1944 - Breaking the Gustav Line (Osprey Campaign)

Es ist ja eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal einen Artikel hier im Blog gepostet habe. Mein Interesse hat sich seitdem sehr auf die Cassino-Schlachten verlagert. 2013 und 2014 war ich vor Ort, um mir das Schlachtfeld anzusehen und hatte dabei einige sehr interessante Entdeckungen und Begegnungen. In diesem Jahr werde ich zum dritten Mal nach Cassino fahren. Mittlerweile habe ich so einige Bücher zum Thema in meinem Schrank stehen und möchte Euch ein paar davon in der nächsten Zeit vorstellen.

Den Anfang mache ich mit "Cassino 1944 - Breaking the Gustav Line" von Ken Ford. Das Buch ist bei Osprey Publishing in der Campaign-Reihe erschienen.


Das Buch ist ein typisches Osprey-Campaign-Heft: mit knapp 100 Seiten folgt es der üblichen inhaltlichen Struktur, den Leser der Osprey-Reihe kennen (Origins, Chronology, Opposing Commanders, Opposing Armies, Plans, sowie der Beschreibung der vier Cassino-Schlachten). Ken Ford ist Autor von etwas mehr als 20 Osprey-Publikationen. Alle seine Bücher beschäftigen sich mit dem Zweiten Weltkrieg. Howard Gerrard gehört zu den bekanntesten Osprey-Illustratoren und hat für den Band die doppelseitigen Bilder gezeichnet und koloriert.


Die Stärke der Osprey-Campaign-Bände besteht sicherlich in der Zusammenstellung von Fotos, Karten und Text, die dem Leser schnell das Wesentliche einer Kampagne oder Schlacht vermitteln sollen. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Sammlern der verschiedenen Osprey-Reihen, die damit dann eine sehr umfassende Bibliothek zum Thema Militärgeschichte haben.


Besonderes Feature in diesem Band sind drei 3D-Karten, die eine Menge Informationen auf einen Blick liefern. Dadurch werden sie aber auch etwas unübersichtlich und man braucht etwas, um sich in die Karte "einzulesen", insbesondere jemand, der sich zum ersten Mal mit Cassino beschäftigt. Ein sehr ärgerliches Detail ist der - für Osprey-Bände typische und gut gemeinte - Druck über eine Doppelseite. Die Karten sind durch den Bundsteg getrennt und manches bleibt dabei verdeckt oder verzerrt. Die drei Karten in diesem Band sind:
  1. II Corps Attack 24. Jan - 12. Feb
  2. Third Battle 12. - 19. March
  3. Polish II Corps captures the Monastery 11. - 18. May
Die anderen Schlachtabschnitte sind mit "normalen" Karten gut illustriert.

Howard Gerrard hat die drei farbigen Illustrationen in dem Band gezeichnet, die ebenfalls über zwei Seiten gedruckt sind:
  1. American Infantry and Tank Attack across the Rapido Valley (p 46/47)
  2. German Paratrooper defending Cassino Town (p 66/67)
  3. Polish Infantry fighting along Snakeshead Ridge (p 82/83)
Sie geben drei bekannte Ausschnitte aus den Kampfhandlungen wieder; ich finde sie künstlerisch und von der szenischen Darstellung her Geschmackssache und wenig beeindruckend. Niemand wird sich jedoch das Buch deswegen kaufen (obwohl die 3D-Karten und die Illustrationen auf der Rückseite von jedem Osprey-Band angepriesen werden und diese ein typisches Osprey-Zeichen sind). Warum Gerrard als Panzerfahrzeug nicht das bekannte Sturmgeschütz ausgewählt hat, sondern einen PzKw IV ins Bild setzt, ist merkwürdig: das StuGIII sieht man recht oft auf Bildern aus der dritten Cassino-Schlacht, während die Tatsache, dass es noch einen weiteren Panzer gab - tatsächlich einen PzKw IV - echtes Spezialisten-Wissen ist.


Mit dem PzKw IV liegt Osprey hier also richtig, allerdings haben sich in den Band ein paar Fehler und Nachlässigkeiten eingeschlichen, die man nur dann erkennt, wenn man sich schon ein wenig in die Materie eingelesen hat. Und das ist zugegebener Maßen beim Thema Cassino nicht ganz so einfach.

Positiv an dem Band finde ich, dass Ken Ford hier ein guter Gesamtüberblick über die Cassino-Schlachten gelingt und er sie im Kontext mit der Landung bei Anzio beschreibt. Allerdings führt das Format der Campaign-Reihe dazu, dass die Komplexität der Ereignisse verkürzt und hin und wieder missverständlich wiedergegeben wird. Auch das wird nicht jedem auffallen, geschweige denn stören. Die vier Cassino-Schlachten mit einer Dauer von vier Monaten in einem einzigen Campaign-Band zu beschreiben, wird letztlich allerdings dem Ablauf und der Bedeutung der Schlachten nicht gerecht (für den D-Day hingegen gibt es in der Campaign-Reihe vier Bücher für die einzelnen Strandabschnitte).

Leider offenbart der Band bei näherer Betrachtung, wie bereits erwähnt, Schwächen und Fehler: so sind die Order of Battle für Cassino und Anzio in einer Aufstellung zusammengefasst, unvollständig und zeitlich nicht gegliedert; dadurch bleibt die Reihenfolge, wie die einzelnen Verbände in das Schlachtgeschehen eingegriffen haben, unberücksichtigt und der Nutzen begrenzt. Fehler bei den Kommandeuren gibt es zudem auch (bei der 44. Inf. Div. wird fälschlicherweise Bayer als Kommandeur genannt). Die Tatsache, dass das Polish II Corps komplett in der Aufstellung fehlt, kann man nur als unerklärliche Nachlässigkeit bezeichnen.

Ken Ford beginnt die Beschreibung der ersten Schlacht mit der Offensive des II Corps und des Corps Expéditionnaire Français (CEF) und verlagert die tragische Offensive der 36. Inf. Div. und des Britischen Korps vor den Beginn der ersten Schlacht und folgt damit nicht der üblichen Gliederung der Abläufe. Die gestaffelte Offensive, mit dem Britischen Korps am linken Frontabschnitt bis hin zu den Franzosen am rechten Abschnitt, IST letztlich die erste Schlacht von Cassino. Hier schafft Ford unnötige Verwirrung in einer sowieso schon schwer zu durchschauenden Kampagne.

Sehr gut ist dann die Einordnung der Landung bei Anzio am 22. Januar 1944 im Zusammenhang mit den Ereignissen im Kampfraum Cassino. Die erste Cassino-Schlacht beginnt bei Ford mit der Offensive der 34. (US) Inf. Div. nördlich der Stadt und wird ergänzt durch die Beschreibung des Ausbruchsversuchs der Alliierten bei Anzio.

Auch wenn die Entscheidung für die Bombardierung des Klosters verkürzt dargestellt werden, so ist der Verlauf doch genau genug wiedergegeben, um das Unglück und die Tragik zu erfassen, die in der zweiten Cassino-Schlacht liegen. Ebenso kann man das Chaos und das verbitterte Ringen um die Ruinen der Stadt in der dritten Schlacht nachvollziehen.

Bei der Operation DIADEM in der vierten Schlacht wird die Rolle des CEF nicht ihrer Bedeutung entsprechend dargestellt: weder im Positiven, was den eigentlichen Durchbruch durch die Gustav-Linie angeht (immerhin der Untertitel des Bandes!), noch im Negativen: die sogenannte "Marocchinate" - die Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und die Massenvergewaltigungen - werden nicht einmal erwähnt. Auch Clarks fatale Entscheidung, seine Truppen auf Rom zu lenken, um vor der anstehenden Landung in der Normandie für sich noch einen Publicity-Erfolg zu erzielen, und die es den Truppen der deutschen 10. Armee ermöglichte, der Einkesselung zu entgehen, wird viel zu harmlos und nüchtern dargestellt.

Mein Fazit: Das Buch eignet sich eher Sammler der Campaign-Reihe, die sich im typischen Osprey-Stil die wichtigsten Ereignisse anlesen wollen und dabei den ein oder anderen Fehler in Kauf nehmen. Sicherlich kann man den Band auch gut bei einem Besuch auf dem Schlachtfeld dabei haben, um die Karten als Erinnerungsstütze nutzen. Für diejenigen, die sich näher mit Cassino beschäftigen wollen, gibt es andere - und bessere - Bücher.

Cassino 1944 - Breaking the Gustav Line. Campaign 134. 
Osprey Publishing, 2004.
Ken Ford - Illustrated by Howard Gerrard. 98 Seiten, GBP 14,99




1 Kommentar:

  1. Super Ralf. Schön, dass Du den BLOG wieder aktivierst. Na und so wie ich Dich kenne, werden da ja wirklich super Infos auf uns zukommen.

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