27. August 2012

Situation innocuous - General Taylors geheime Mission in Rom

Es gibt eine Episode der alliierten Landung in Italien, die besonders faszinierend ist: General Taylors geheime Reise nach Rom, zwei Tage vor der Landung der Alliierten in Salerno.

General Maxwell D. Taylor

Die Hauptpersonen in Rom:

Brig. Gen. Maxwell D. Taylor und Col. William T. Gardiner
Marschall Pietro Badoglio - nach Absetzung von Mussolini Ministerpräsident von Italien
General Giacomo Carboni - Befehlshaber des Corpo d'Armata Motocorazzato in Rom und Chef des Servizio Informazioni Militare (Geheimdienst)
General Carlo Rossi - Stellvertr. Generalstabchef im Comando Supremo
General Mario Roatta - Generalstabchef des Heeres
General Vittorio Ambrosio - Generalstabchef des Comando Supremo, zum Zeitpunkt der Mission in einer persönlichen Angelegenheit in Turin

General G. Carboni
Marschall Pietro Badoglio













Die Vorgeschichte:

Die Italiener hatten seit einigen Wochen mit den Alliierten um einen Separatfrieden verhandelt. Sizilien war mittlerweile von den Alliierten befreit und Mussolini abgesetzt. Und am 3. September, als General Castellano die Vereinbarungen für den Waffenstillstand unterschrieb, griff General Montgomery‘s 8. Armee das italienische Festland an.

Als Unterstützung der Invasion in der Bucht von Salerno war geplant, die 82. Airborne Division einzusetzen. Sie sollte nördlich von Neapel die Übergänge über den Volturno sichern. Doch im Zuge der Waffenstillstandsverhandlungen kam die Überlegung, den Vorstoß der Deutschen auf Rom zu verhindern und die Division am Tag der Invasion in unmittelbarer Nähe der italienischen Hauptstadt abzusetzen. Diese Operation, die schnellstmöglich geplant und vorbereitet werden musste, um noch in den Zeitplan zu passen, nannte man GIANT TWO.

Die Landeoperation war innerhalb des Generalstabs umstritten und es gab einige Zweifel, ob die Italiener in der Lage wären, sie ausreichend zu unterstützen. Und so sollte sich der amerikanische Brigadegeneral Maxwell D. Taylor direkt vor Ort ein Bild machen. Taylor war 42 Jahre alt und Artilleriekommandeur der 82. Airborne; außerdem konnte er Französisch und Italienisch sprechen. Änderungen oder ggf. auch einen Abbruch der Operation sollte Taylor über einen geheimen Sender im Servizio Informazioni Militare von General Giacomo Carboni übermitteln. Notfalls konnte er selbst das AFHQ über die Notwendigkeit des Abbruchs informieren, indem er nur ein einziges Worte sendete: „innocuous“ - „harmlos“.


"Situation innocuous":

General Taylor wurde mit Colonel William T. Gardiner auf die Mission geschickt. Die Amerikaner starteten am 7. September von Palermo aus mit einem britischen Torpedoboot Richtung Ustica, einer Insel ca. 60 km nördlich von Palermo. Dort stiegen sie auf die italienische Korvette „Ibis“ um, die sie in Gaeta an Land brachte. Von Gaeta aus wurden die Amerikaner dann von den Italienern in einem Rot-Kreuz-Wagen nach Rom eingeschleust. Taylor und Gardiner trugen amerikanische Uniformen, um zu verhindern, als Spione erschossen zu werden, wenn sie von deutschen Truppen aufgegriffen würden. Zuvor hatten sie diese nass gemacht, um den Eindruck zu erwecken, sie wären abgestürzte und gefangen genommene Flieger. Tatsächlich waren auf dem Weg nach Rom mehrere deutsche Patrouillen, der Ambulanzwagen blieb jedoch unbehelligt.

In Rom angekommen, wurden die Amerikaner in den Palazzo Caprara in der Via XX Settembre gebracht. Von italienischen  Generälen war dort nichts zu sehen. Stattdessen servierte man ein großzügiges Abendessen, das Taylor und Gardiner voller Ungeduld einnahmen. Als General Taylor dann erfuhr, dass am Abend auch keine Unterredungen mehr stattfinden sollten, bestand er auf ein Treffen und ließ nach Carboni und Rossi rufen.

General Carboni kam gegen 21.30 Uhr, allerdings ohne Rossi. Er berichtete, dass die Deutschen ihre Truppen um Rom deutlich verstärkt hätten. Außerdem habe sein Corpo d'Armata Motocorazzato kaum Benzin und Munition und sei so gut wie kampfunfähig. Den Amerikanern waren diese Fakten grundsätzlich bekannt. Die italienische Führung wollte GIANT II zwei Tage nach hinten verlegen, um keine deutschen Aggressionen zu provozieren. Sie befürchteten, die alliierte Landung würde zu weit von Rom entfernt erfolgen und die Landung der Airborne Division nicht ausreichen, um die Hauptstadt vor den Deutschen zu schützen. Taylor und Gardiner wurde klar, dass die gesamte Operation GIANT II in Gefahr war und wollten sofort mit Marschall Badoglio selbst sprechen, da General Ambrosio gar nicht in Rom war.

In Carbonis Limousine fuhren sie in die Villa Badoglio in der Via Bruxelles. Nachdem der Ministerpräsident die Amerikaner begrüßt hatte, kam auch er schnell auf den Punkt: die Verkündung des Waffenstillstands und die Landung der alliierten Truppen müsse verschoben werden. Badoglio wirkte erschöpft und müde und Taylor und Gardiner hatten den Eindruck, der Marschall sei von Carboni beeinflusst worden. Die Abkehr von den getroffenen Vereinbarungen beunruhigte die beiden.

Auf Drängen von General Taylor formulierte Badoglio eine Nachricht an General Eisenhower. Es war bereits der 8. September, ein Uhr nachts. Taylor bestätigte die Nachricht des Marschalls in einer eigenen Mitteilung an das AFHQ in Algier, und gegen 2.00 Uhr kehrten die beiden amerikanischen Offiziere in den Palazzo Caprara zurück und gaben die Nachrichten an Carboni zur Verschlüsselung und Übermittlung.

Am Morgen um 8.20 Uhr sendete Taylor eine weitere Nachricht, um ganz sicher zu gehen, dass die veränderte Situation auch verstanden wurde. Die Mitteilungen der Nacht waren angekommen, das hatte Taylor erfahren; doch er machte sich immer noch Sorgen wegen des Abbruchs von GIANT II. Und so sendete er um 11.35 Uhr die Nachricht mit dem Codewort: „Situation innocuous.“

Marschall Badoglio und General Roatta hatten sich mittlerweile beraten und wollten einen hochrangigen Offizier zu Eisenhower entsenden, der ihre Position den Alliierten erklären sollte. General Ambrosio war gegen 10.00 Uhr aus Turin zurückgekehrt und wurde von General Rossi vom Zug abgeholt und über die aktuellen Entwicklungen informiert. Gegen Mittag war dann entschieden, dass Rossi mit Taylor und Gardiner nach Nordafrika reisen sollte.

Ziel der italienischen Führung war es, den Waffenstillstand erst dann zu verkünden, wenn sichergestellt werden konnte, dass die Alliierten Rom einnehmen und somit vor der Besetzung durch die Deutschen schützen konnten. Und sie glaubten immer noch - nicht zu Unrecht - dass Eisenhower doch nicht am Abend des 8. September den Waffenstillstand bekannt geben würde, da die BBC die vereinbarten Beiträge, die auf die Bekanntgabe hinweisen sollten, nicht gesendet hatte. Dies war einerseits wegen Fehler bei der BBC nicht passiert, andererseits hatte Carboni anscheinend Änderungen der Absprachen nicht an Badoglio und Ambrosio weitergeleitet.

Zu diesem Zeitpunkt rückte die britische 8. Armee durch Kalabrien nach Norden vor, die Landungsschiffe mit General Clarks 5. Armee näherte sich dem italienischen Festland und die 82. Airborne Division bereitete sich in Sizilien auf den Abflug nach Rom vor.

Ein für den Abend geplantes Treffen der amerikanischen Offiziere mit der italienischen Führung wurde abgesagt; man entschied sich für den Abflug. Und so brachen General Taylor und seine Begleiter zum Flugplatz Centocelle auf, bestiegen einen dreimotorigen Savoia-Marchetti-Bomber und starteten kurz nach 17.00 Uhr Richtung Bizerte in Tunesien.

Die Gruppe um General Taylor war bereits abgereist, als Eisenhowers Antwort auf Badologios Nachricht endlich eintraf. Hierin machte er klar, dass er am vereinbarten Zeitplan festhalten und abends um 18.30 Uhr die Waffenstillstandserklärung verlesen würde. Doch auch diese Nachricht wurde vermutlich von Carboni zurückgehalten.

Die italienische Führung war also bis zum Schluss überzeugt, dass noch keins der vereinbarten Zeichen gesendet worden war und die Bekanntgabe des Waffenstillstands aufgeschoben war. Tatsächlich stand Eisenhowers Ankündigung jedoch kurz bevor.

Letztlich abgebrochen wurde GIANT II wenige Minuten vor der Verlesung des Textes. Die Truppen waren bereits dabei, in die Transportflugzeuge einzusteigen. Ein Großteil der C-47 war schon in der Luft und formierte sich zum Abflug Richtung Rom.

General Max Taylor übernahm wenig später das Kommando der 101. Airborne Division und sprang am 6. Juni 1944 mit seiner Einheit über der Normandie ab. Er war damit der erste General der Alliierten, der seinen Fuß auf französischen Boden setzte.

Garland/Smyth: Sicily and the Surrender of Italy, Washington 1965, S.485 - 509
Thompkins, Peter: Scheidung auf Italienisch, Wien/München 1967
Artikel-Serie von Peter Thompkins in „Der Spiegel“ 1967, Hefte 11-14
Nevola, John: The Last Jump, Chapter 35

19. August 2012

US Panzerabwehrkanonen: 37 mm und 57 mm

In Italien setzte die US Army hauptsächlich zwei Panzerabwehrkanonen ein:
die 37 mm Gun M3 und deren Nachfolgerin, die 57 mm Gun M1.

Die Entwicklung der ersten amerikanischen Pak begann nach dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Amerikaner hatten nach Vorbild der deutschen Pak 36 eine eigene Panzerabwehrkanone konstruiert, die ab 1940/41 in die Produktion ging. Schon damals gab es Hinweise, dass die Durchschlagskraft der 37 mm Kanone zu gering war; die Soviets hatten bereits eine 45 mm Kanone im Einsatz und die deutschen Panzerfahrzeuge wurden immer weiter verstärkt.


Die Army - insbesondere die Infanterie - mochte die 37 mm Gun, denn sie war mit 430 kg recht leicht und konnte von der vierköpfigen Mannschaft ohne Probleme selbst gezogen und bewegt werden. Außerdem standen alle Munitionstypen (panzerbrechende, Hochexplosiv- und Kartätschen-Munition) zur Vefügung. Jedes Infanterie-Battalion hatte ein Anti-Tank Platoon mit 3 Geschützen und jedes Regiment eine AT Company mit weiteren 9 Geschützen. Somit war jedes Regiment mit insgesamt 18 Geschütze ausgerüstet. In der Regel wurden die 37 mm Guns von Willys Jeep gezogen.

Erste Kampferfahrung gab es in Nordafrika. Hier war die 37 mm Gun die Standard-Pak der US Army. Es zeigte sich, dass die Pak gegen die deutschen Panzer III und IV im Frontalangriff nur noch auf kurze Reichweite etwas ausrichten konnte. In Versuchen konnte der Turm eines Panzer III erst auf 270 m durchschlagen werden. Die Soldaten beklagten sich über die Ineffektivität; doch die Stäbe meinten, dass die Waffe falsch gehandhabt wurde. Ab Ende 1943 wurde jedoch begonnen, die größere 57 mm Gun M1 auszuliefern. Das Geschütz war ab 1941 aus dem britischen 6 pdr entwickelt worden.

Die Infanteristen waren trotz der besseren Durchschlagskraft von der 57 mm Gun nicht sehr begeistert. Die neue Pak war mit 1.250 kg gut dreimal so schwer wie die alte und konnte nur mit erheblichem Kraftaufwand von Soldaten bewegt werden. Gezogen wurde das Geschütz von einem 1,5 t Dodge WC62 oder einem M3 Halftrack. Ein weiterer Nachteil war, dass es für das Geschütz zunächst nur panzerbrechende Munition gab. Die Erfahrung in Tunesien hatte gezeigt, dass eine Mischung aus 85% panzerbrechender, 10% hochexplosiver und 5% Kartätschen-Munition ideal war. Erst nach dem Feldzug in der Normandie wurden Sprenggranaten produziert, das jedoch immer noch nicht in großer Zahl.

Produktionszahlen:
37mm M357mm M1
19412.252-
194211.8123.877
19434.2985.856
1944-3.902
1945-2.002
18.36215.637

Die Umstellung von der 37 mm auf die neue 57 mm Kanone ging jedoch langsam voran, so dass während der gesamten Kampagne in Italien beide Geschütze zum Einsatz kamen. Bei der Landung in Salerno waren nur wenige Infanterie-Regimenter mit der 57 mm Gun ausgerüstet worden. Erst ab Sommer 1944 - nach dem Ausbruch aus dem Brückenkopf bei Anzio - waren mehr von den neuen Kanonen im Gebrauch als von den älteren 37 mm Pak.


Die 37 mm wurden jedoch bis Ende 1944 eingesetzt. Denn das Fehlen von ausreichenden Zahlen an 57 mm Paks blieb bis zum Ende des Krieges ein Problem. Das zeigen auch die Verlustzahlen: vom 9.9.43 bis Kriegsende gingen 167 der 37 mm Geschütze und 259 der 57 mm Geschütze verloren.

Nach und nach wurden bis Ende des Krieges in Italien alle Regimenter - bis auf eine Einheit - mit Geschützen auf Selbstfahrlafetten, sog. "self-propelled guns" ausgestattet.

Zaloga, Steven: US Anti-tank Artillery 1941-45 (New Vanguard 107)
Osprey Publishing, 2005

16. August 2012

Angelo Pesce: Salerno 1943 "Operation Avalanche"

Auf Angelo Pesce's "Salerno 1943", das ich seit kurzem in meiner Sammlung habe, bin ich besonders stolz: das Buch ist ein echtes Schwergewicht: 340 x 245 mm groß, 453 Seiten dick und gut 3,5 kg schwer.
Bei den einschägigen Internet-Buchhändlern nicht mehr erhältlich, hatte ich zunächst versucht, es in Italien bei Deastore und Unilibro zu bekommen. Da hatte ich aber auch kein Glück und so war ich froh, als ich im italienischen Ebay ein Exemplar entdeckte. Zum Preis von knapp 90 EUR plus Versand konnte ich es ersteigern.

Vom Umfang und der Qualität her ist das Buch ziemlich einzigartig.

Der Einleitungs- und Einführungsteil ist auf italienisch verfasst; ebenso der Teil, der den Ablauf der Landung und das Kampfgeschehen beschreibt. In diesem Abschnitt finden sich verschiedene Karten und mehrere, teils doppelseitige, Organigramme der Einheiten mit Fotos der Befehlshaber. Selbst die Divisionskommandeure sind mit Fotos abgebildet. Die Karten stammen - bis auf die große Karte der Region - aus älteren CMH Publikationen.



Der Hauptteil des Buches besteht aus über 1200 s/w-Aufnahmen, die chronologisch geordnet den Ablauf der gesamten Landeoperation abbilden. Die Aufnahmen sind hauptsächlich aus den National Archives und dem Imperial War Museum. Auch einige Fotos aus dem Bundesarchiv sind dabei. Und das Beste: die Bilder sind sowohl mit italienischen, als auch mit englischen Texten beschrieben.

Einige Beispiele aus dem Hauptteil:




Den Abschluss des Buches bilden 33 Seiten mit Farbaufnahmen des Kampfgebiets, so wie es heute aussieht  und 10 Seiten Literaturverzeichnis und Register.

Einziges Manko: die Fadenheftung ist leider nicht die beste. Nachdem ich das Buch mehrere Male auf- und zugeklappt habe, ist die Heftung an den einzelnen Lagen aufgebrochen. Noch sind die Papierbögen mit dem Buchrücken verbunden, aber ich befürchte, dass die Heftung sich nach und nach komplett löst.

Pesce, Angelo: Salerno 1943 - "Operation Avalanche"
Albertelli, Salerno/Parma 2000 (3. durchgesehene Aufl.)
453 Seiten, 7 Organigramme, 7 Karten und ca. 1200 s/w-Bilder und ca. 60 Farbaufnahmen

Angelo Pesce, geb. 1932 in Scafati ist Geologe und Historiker und Autor mehrerer Bücher.