17. Januar 2016

Die Äbte des Klosters

Die kirchliche Welt in Italien hat gerade einen neuen Skandal. Diesmal geht es vornehmlich um's Geld. Und um Montecassino. Der Ex-Abt des Klosters wird beschuldigt, eine halbe Million Euro aus dem Klostervermögen in seine eigene Tasche abgezweigt zu haben. Für mich ein Anlass, einmal das "Who is Who" des Benediktiner-Stammsitzes vorzustellen, soweit es für die Geschichte der Cassino-Schlachten eine Bedeutung hat.

Doch vorher kurz zum Skandal: Pietro Vittorelli legte eine recht beeindruckende Karriere in der Kurie hin. Mit 27 Jahren trat er in die Benediktinerabtei ein und wurde 5 Jahre später Priester. 2007 wurde er mit 45 Jahren Abt von Montecassino, nachdem sein Vorgänger und Mentor zum Erzbischof von Gaeta ernannt wurde. Sechs Jahre später legte er sein Amt aus gesundheitlichen Gründen nieder - man sprach von einem Schlaganfall. Vor zwei Monaten kam nun heraus, dass Vittorelli einen luxuriösen und für einen Priester recht unorthodoxen Lebensstil pflegte. Mehr als 500.000 Euro soll Vittorelli für Immobilien (er besitzt angeblich 4 Häuser in der Gegend um Rom), Kokain und Einkaufsbummel in London und Paris verprasst haben. Es sei wohl vorgekommen, dass er monatlich schon mal 34.000 EUR über seine Kreditkarte gezogen hat. Das Ganze ist während seiner aktiven Zeit als Abt passiert und jetzt durch die Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten ans Licht gekommen. Die Polizei ermittelt, doch der Vatikan hat erst einmal die beiden kirchlichen Whistleblower festgesetzt und vor den Kadi gezerrt.

Nach diesen aktuellen Ereignissen zurück zum eigentlichen Thema:

Die Liste der Äbte ist natürlich ellenlang, so will ich mit dem 296. Erzabt des Klosters einsteigen: Bonifaz Maria Krug, ein deutscher Benediktiner, der von 1897 - 1909 Abt der Abtei war. Mit ihm begann gewissermaßen eine Renaissance der Abtei. Bonifaz Krug wurde 1838 in Hünfeld bei Fulda geboren. Seine Mutter wanderte 1844 nach Amerika aus, er konvertierte zum katholischen Glauben und wurde in Pennsylvania Priester. 1863 kehrte er nach Europa zurück und blieb zunächst in Rom. Im Jahr 1897 wird er Abt von Montecassino und widmete sich dem wirtschaftlichen und künstlerischen Aufbau des Benediktiner-Stammsitzes. 

Abate Krug mit Herzogenpaar Savoia D'Aosta 1905

So ließ er mit eingeworbenen Geldern die Krypta der Basilika von Künstlern aus dem Kloster Beuron neu ausgestalten, unter anderem stiftete Kaiser Wilhelm II. anlässlich seines Besuchs im Mai 1903 hierfür ein Mosaik. Die Vollendung der Krypta (um 1910) erlebte Krug selbst nicht mehr. Er starb 1909, sein Nachfolger wurde Gregorio Diamare. Jene Krypta sollte dann das einzige sein, das die Bombardierung vom 15. Februar 1944 einigermaßen überstehen würde. 

Der Treppengang zur Krypta

In den ereignisreichen Jahren 1943/44 war also besagter Gregorio Diamare der Erzabt des Klosters. Er ist auf vielen Bildern aus der Zeit zu sehen. Berühmt geworden sind eine Reihe von Fotos, die ihn im Oktober 1943 zusammen mit Oberstleutnant Schlegel beim Abtransport der Kunstschätze des Klosters zeigen.

Diamare mit Schlegel - halb verdeckt hinter dem Abt sieht man Matronola
Schlegel, Diamare und (rechts abgeschnitten) Matronola
Diamare ist auch jener Abt, der die Zerstörung des Klosters miterlebt hat und der die berühmte Erklärung verfasste, dass sich vor der Bombardierung keine deutschen Soldaten im Kloster aufgehalten hatten.

Die berühmte Erklärung

Später, im Hauptquartier von General von Senger, gab er dem deutschen General ein Interview, von dem es noch ein Transkript gibt. Hier ein Bild von der Verabschiedung durch General von Senger in Castelmassimo:


Diamare stirbt kurz nach dem Krieg am 6. September 1945 in Sant'Elia Fiumerapido (in der Nähe von Cassino) an Malaria.


Ildefonso Rea, *1896-1971, eigentlich Matteo Renato Rea, war der Abt des Wiederaufbaus. Er gehörte nicht zu den Mönchen, die während der Bombardierung im Kloster waren, sondern war zu der Zeit als Bischof in Cava de' Tirreni der Nähe von Neapel tätig.

Rea wurde Nachfolger des 1945 verstorbenen Abtes und sorgte in den folgenden zehn Jahren dafür, dass das Kloster anhand der geretteten Pläne mehr oder weniger originalgetreu wieder errichtet wurde. "Com'era e dov'era" (wie war und wo es stand) - ein Satz, den man immer wieder im Kloster lesen kann, war das Leitmotiv von Ildefonso Rea. Nach seinem Tod 1971 wurde dann Martino Matronola zum Abt gewählt. 



Matronola wurde 1903 in Cassino geboren und gehört mit zu den Mönchen, die während der Bombar-dierung im Kloster ausharrten. Er ist als Begleiter und Dolmetscher von Abate Diamare auf vielen Fotos zu sehen. Aus der Nachkriegszeit habe ich nur das Fotos rechts finden können. 

Später veröffentliche Matronola das Buch Il bombardamento di Montecassino. Diario di guerra - in der Autorenschaft mit dem verstorbenen Dom Eusebio. Er blieb bis 1983 Abt des Klosters und verstarb 1994.

Dom Eusebio im Gespräch mit einem deutschen Soldaten (Oktober 1943)
Zu Schluss will ich noch kurz auf jenen Dom Eusebio Grossetti eingehen. Er gehörte ebenfalls zur Gruppe der Mönche, die im Winter 1943/44 im Kloster geblieben waren. Im Film "Montecassino nel cerchio del fuoco" von 1946 spielt die Figur eine zentrale Rolle; Dom Eusebio ist als feinfühliger und künstlerisch veranlagter Mönch dargestellt, der sich aufopfernd um die Leute kümmert, die im Klos-ter Unterschlupf suchen. Im Film wie in der Realität erlebte Dom Eusebio die Bombardierung nicht mehr: er verstarb am 14. Februar 1944 an einer Infektion, die er sich vermutlich bei der Versorgung der Kranken zugezogen hatte.

Links:

24. November 2015

Buddhistische Gräber auf dem Soldatenfriedhof


Schon immer habe ich gerne Friedhöfe besucht, so seltsam das vielleicht klingen mag. Aber ich erinnere mich immer wieder gerne an die Spaziergänge und die Gespräche auf dem Zentralfriedhof Ohlsdorf in Hamburg. Die Soldatenfriedhöfe von Cassino standen daher natürlich ebenfalls auf meiner Liste von Orten, die ich sehen wollte.

Der Commonwealth-Friedhof ist einer von fünf großen Friedhöfen, die in und um Cassino angelegt wurden und der einzige, der direkt mehr oder weniger zentral in der Stadt liegt. Vom Bahnhof aus kann man in einer knappen Viertelstunde zum Friedhof zu Fuß gehen. Bei meinem zweiten Besuch dort entdeckte ich unter den Gräber der indischen Divisionen zwei Grabsteine mit einem Stupa.


Ein Stupa ist ein buddhistisches Bauwerk - ein Grabhügel - und als Symbol eindeutig ein Hinweis auf den buddhistischen Glauben der beiden Soldaten. Die Riflemen Nima Lepcha und Yam Bahadur Tamang aus dem 1. Bataillon der 5th Royal Gurkha Rifles fallen beide am 12. Mai 1944. Sie stammen aus kleinen Dörfern in Sikkim und Nepal.

Die Gurkha-Regimenter waren ein fester Bestandteil der Indischen Divisionen in der Britischen Armee. Traditionell bestand eine Division aus einem britischen Regiment, einem indischen und einem Gurkha-Regiment. Dabei teilten die Briten die Bataillone des Regiments meistens auf und setzten sie an ganz unterschiedlichen Orten ein: so kämpfte das 1. Bataillon des 5. Gurkha-Regiments in Italien, während die anderen beiden Bataillone in Ost-Asien eingesetzt waren. So konnte ein Regiment nie an einem Schauplatz aufgerieben werden.

Die Gurkhas stammen in der Regel aus Nepal im Himalaya. Ihren Namen haben sie in Anlehnung an das Königreich Gorkha - bis ins 20. Jhr. offizielle Bezeichnung für Nepal. Die Gurkhas stehen seit 200 Jahren in britischen Diensten und gelten seit jeher als zähe, tapfere und genügsame Soldaten. Für die arme Landbevölkerung Nepals war ein Dienst in der britischen Armee sehr lukrativ und so verpflichteten sich viele Nepali als Söldner. In manchen Fällen gab es sogar eine Art Familientradition, die vom Vater auf den Sohn überging.


Der Stupa auf den beiden Gräber ist insofern ungewöhnlich und selten, da die Nepali überwiegend Hindus sind. Den Stupa habe ich nur auf diesen zwei Grabsteinen gefunden. Die übrigen Gräber tragen eine Inschrift in Devanagari. 

Links:
Gurkka-Söldner, die tapfersten Gehilfen des Empire
The Gurkha Museum, Winchester (UK)
Commonwealth War Cemetery Cassino

7. September 2015

Cavendish Road und Phantom House - Zweiter Teil

Hier folgt nun die Fortsetzung meiner Exkursion zum „Phantom House“. Den ersten Teil könnt ihr hier lesen.

In seinem Text hatte Livio Cavallaro beschrieben, wie er zunächst versucht hatte, vom Madras Circus aus Phantom House zu erreichen. Diesen Weg hatten auch die Polen im Mai 1944 genommen, als sie versuchten, die Deutschen endgültig aus ihrem Vorposten zu vertreiben. Vor siebzig Jahren gab es hier keinen Strauch und keinen Baum, doch mittlerweile wachsen rechts und links der Wege dichte Brombeerbüsche, die ein Vorankommen kaum möglich machen. Und so bereiteten die dornigen Büsche Cavallaro einige Probleme und als er schließlich auch noch auf alten Stacheldraht stieß, gab er auf und machte kehrt.

Phantom House 1944
In seinem zweiten Versuch näherte sich Cavallaro vom Phantom Ridge aus - quasi von oben - und hatte damit Erfolg. Seine Erfahrung wollten Pino und ich nutzen. Nach unserer kleinen Mittagspause machten wir uns wieder auf den Weg. Kurz hinter dem Tank Memorial öffnet sich der Pfad in eine Hochebene, in der Massa Albaneta liegt. Das Gehöft war eine schwer verteidigte Position der deutschen Linie und bereits im März 1944 Schauplatz eines Panzervorstoßes, der äußerst verlustreich für die Alliierten war.

Noch vor Massa Albaneta bogen wir allerdings an einer Abzweigung nach rechts ab und stiegen zum Phantom Ridge hinauf: der Grad liegt auf gut 600 Meter. Nach einer knappen halben Stunde waren wir schließlich auf dem Bergrücken angekommen und hatten einen phantastischen Blick auf den Monte Cairo – laut Pino immer ein gutes Zeichen, denn wenn die Bergspitze von Wolken umgeben ist, droht oft ein Wetterumbruch.

Wenige Minuten später blickte Pino auf sein GPS. Wir waren ungefähr auf der Linie angekommen, auf der das Phantom House einige hundert Meter hangabwärts liegen sollte. Die Daten mit denen Pino sein GPS gefüttert hatte, waren nur angenähert: im schlechtesten Fall hatten wir eine Fläche von ca. einem Hektar abzusuchen, was in dem Gelände nicht ganz einfach wäre. Zusätzlich zu seinem GPS hatte Pino noch ein weiteres – low-tech – Tool eingepackt, das nun zum Einsatz kommen sollte und uns unglaublich nützlich wurde: eine Gartenschere. Ich glaube sogar, dass wir es letztlich ohne GPS geschafft hätten – ohne das Schneidwerkzeug allerdings nicht …

Auch wenn der Hang nicht allzu dicht von Brombeeren bewachsen war, so versperrten immer wieder dornige Zweige den Weg und machten manche Durchgänge unpassierbar. Pino knipste in solchen Fällen ein paar der lästigen Zeige weg und so konnten wir immer tiefer in das Gewirr aus Pfaden und kleinen Lichtungen vordringen. Das GPS zeigte uns die grobe Richtung, allerdings mussten wir wegen der Vegetation häufig Umwege nehmen und entsprechend oft musste Pino stoppen und seine Gartenschere zücken.

Irgendwann fielen mir am Boden Steine auf, die offensichtlich von jemandem aufgestapelt worden waren. Ich machte Pino darauf aufmerksam und wir waren uns nach kurzer Beratung einig, dass dies wahrscheinlich Wegmarken waren. In den nächsten Minuten folgten wir dem natürlichen Pfad und entdeckte noch weitere Steinstapel. Dann bemerkte Pino an einer Stelle abgeschnittene Zweige und wir waren uns nun sicher, dass wir richtig lagen.


Schließlich erreichten wir eine Stelle, an der sich der Weg verzweigte und Pino ging ein paar Schritte voraus, um die erste Möglichkeit zu erkunden. Ich kletterte derweil auf die Böschung hinauf, um zu sehen, was dahinter lag.

Einige Meter entfernt im Dickicht konnte ich eine Steinmauer erkennen. Volltreffer!

Ich rief nach Pino. An meiner Freude ahnte er bereits, was ich gefunden hatte. Er kletterte nun ebenfalls die Böschung hinauf und konnte es kaum fassen. Wir hatten das Phantom House gefunden.


Die Ruinen des alten Farmhauses lagen völlig versteckt hinter Bäumen und Büschen verborgen. Aber ohne Zweifel war es das Phantom House, wie man an dem Fenster erkennen konnte. Unglaublich, dass hier im Grunde genommen alles unverändert geblieben war, wenn man einmal von der Vegetation absah. Eine Veränderung stach jedoch ins Auge: neben dem Fensterausschnitt war an der Wand eine Holztafel und eine polnische Flagge angebracht. Die Holztafel war nicht alt und ebenfalls mit einer polnischen Beschriftung.


Pino speicherte unsere Position in sein GPS und dann schauten wir uns weiter um. Vom Haus stand im Wesentlichen eine Hauswand. Recht gut konnte man noch den Eingang mit Treppenstufen aus Stein erkennen, der Eingang selbst war jedoch zerstört. Der Bereich hinter der Wand war nur sehr schwer zugänglich, da hier mehr oder weniger alles zugewachsen war. Da wir nicht wussten, wie stabil die Steinmauer noch war, verzichteten wir auf unnötige Klettereien auf den Mauern.

Einige Meter vom Haus entfernt und unter Büschen verborgen entdeckten wir eine Senke, die mit Steinen umrandet und befestigt worden war, eventuell eine Mörser- oder MG-Stellung. Am Boden lag ein Teil einer Mörsergranate.


Um das Haus herum konnte man an mehreren Stellen Munition, Überreste von Dosen und andere Metallteile finden. Besonders die Gewehrmunition war noch recht gut erhalten und teilweise noch nicht verschossen. Dem Anschein nach waren es Patronen für den K98-Karabiner und die MP40-Maschinenpistole.






Schon irre, dass der Ort immer noch mehr oder weniger so zu finden ist, wie er vor 70 Jahren verlassen wurde. Nur wenige kommen hier hoch, was ich auch auf meinen anderen Wanderungen immer wieder feststellen konnte: bis auf wenige Ausnahmen war ich über mehrere Stunden der einzige Mensch, der in den Bergen unterwegs war.

Pino und ich verweilten noch eine Zeit lang am Phantom House bis wir wieder aufbrachen und uns an den Abstieg Richtung Albaneta machten. Wir hofften, dass dieser Ort weiterhin so wenig entdeckt und besucht würde, damit er noch lange so zu sehen bleibt.

Zurück in Deutschland habe ich übrigens eine polnische Kollegin gebeten, mir den Text auf der Holztafel zu übersetzen. Sinngemäß heißt es dort:

"Du bist in Pflichterfüllung gefallen, so wie es sich für einen rechtschaffenen Polen gehört (O.Matkowska). An dieser Stelle fiel am 12. Mai 1944 Walery Gorgolewski, ein polnischer Soldat aus Ostrzesow. Ostrzesow - Monte Cassino 2013". 

Sergeant Gorgolewski, der mit einem "Niech żyje Polska" (Es lebe Polen) auf den Lippen gestorben sein soll, liegt in Grab 5-D-10 auf dem polnischen Friedhof. Bei weiteren Recherchen im Internet bin ich übrigens auf eine Seite gestoßen, in der zwei Polen von der Aktion berichten, bei der sie die Gedenktafel angebracht haben.

1. September 2015

Cavendish Road und Phantom House - Erster Teil

Im vergangenen Jahr hatte ich das Vergnügen, eine längere Wanderung zusammen mit Pino Valente zu machen. Pino ist der Besitzer und Manager des Hotel La Pace in Cassino, in dem ich zum zweiten Mal zu Gast war. Er ist unglaublich hilfsbereit, wenn es um die Planung von Touren, um Auskünfte und Kontakte geht. Und er zieht auch gerne selbst mit seinen Gästen los.

Bei meiner Ankunft fragte mich Pino, ob ich bestimmte Pläne hätte und ich zeigte ihm einen Artikel von Livio Cavallaro, der vor ein paar Jahren auf dem Phantom Ridge war. Auf diesem Bergrücken liegt das legendäre "Phantom House", das von den Polen "Domek na Widmie" genannt wurde. Pino studierte den italienischen Bericht von Livio Cavallaro und war gleich begeistert. Wir warfen einen Blick auf meine Kopie einer Karte von 1944 und waren uns einig: wir wollten ebenfalls das Phantom House finden. Zwar hatten wir auch nach dem Lesen und Recherchieren nur eine grobe Vorstellung davon, wo das Haus genau liegen würde, doch letztlich war es genau das, was uns an diesem "piccola avventura" reizte. Pino speicherte ein paar Wegpunkte in sein GPS, packte eine Gartenschere in seinen Rucksack und los ging's.


Wir hatten uns entschieden, über die Cavendish Road bis Massa Albaneta zu gehen und von dort den Aufstieg zum Phantom Ridge zu machen. Ein Bekannter von Pino brachte uns mit dem Auto zum Anfang der Cavendish Road; in den vergangenen Jahren wurde immer mehr der alten Pionier-Straße freigeschnitten, so dass man diese mittlerweile recht gut begehen kann. Im September 2013 trafen sich mehrere hundert Leute aus der Gegend, um auf einer gemeinsamen Wanderung zum ersten Mal seit Jahren wieder die Cavendish Road bis zum Kloster zu gehen. Pino war damals mit dabei und völlig überrascht, dass so viele gekommen waren.


Wie Ihr auf dem Fotos erkennen könnt, ist seitdem einiges geschehen: es gibt eine große Info-Tafel, ein paar Wegweiser und die Strecke wurde mit rot-weiß-roten oder rot-weißen Wegmarkierungen versehen. Nicht so perfekt wie in den deutschen Mittelgebirgen, aber es erleichtert die Orientierung.

Wie gesagt - die Cavendish Road war lange Zeit nur ein Name in den Geschichtsbüchern und die Brombeeren wucherten dicht über den Weg und irgendwie denkt man da plötzlich an das alte Märchen ... denn tatsächlich war der Weg in der Vergangenheit nur mit Mühen begehbar. Man konnte sich kaum vorstellen, dass hier einmal Panzer entlang rollten .... und ehrlich gesagt, fällt das auch heute noch schwer ....

Die Luft an diesem Morgen war noch kühl und feucht und die Strecke zu Beginn erinnerte ein wenig an einen kleinen Waldweg in einem Mittelgebirge. Der Weg führte beständig voran und die meiste Zeit mussten wir hintereinander gehen. Nach einer knappen halben Stunde kamen wir an eine Stelle, an der ich alleine sicherlich vorbei gelaufen wäre. Auf Pinos Anweisung hin kletterte ich die Böschung am rechten Rand des Weges hinauf und blickte auf einen Grabstein mit drei Namen. "Affratellati nel destino. Fardelli Constantino. Fardelli Antonio. Miele Michele. Volarono in cielo".


Die drei Jungen, fünfzehn, elf und neun Jahre alt, sind hier 1947 durch eine Explosion von Blindgängern ums Leben gekommen. Solche Unfälle gab es in den Nachkriegsjahren nicht selten. Kinder spielten in den Trümmern und in der Umgebung, beteiligten sich teilweise auch aktiv an der Suche nach Blindgängern und Munition, um sich ein paar Lire zu verdienen. Und da passierte hin und wieder ein Unglück ....

Nach einiger Zeit kommt man an die Stellen, die auch auf einigen historischen Fotos zu sehen sind. Auf italienisch heißt die Gegend "Vallone del Dente" - das Zahn-Tal. Schaut man auf eine Karte, so laufen zwei tiefe Einschnitte, die das Wasser in den Hang gegraben hat, aufeinander zu und sehen von oben betrachtet wie ein riesiger, spitzer Zahn aus.


Am südlichen der beiden Einschnitte machten wir eine kleine Foto-Pause. 



Irgendwann fiel uns am Wegesrand ein frisch gebuddeltes Loch auf und als ich das Loch etwas näher untersuchte, entdeckte ich eine zerbeulte Patrone. Höchstwahrscheinlich war hier jemand mit einem Metalldetektor unterwegs und hat die Patrone als uninteressantes Fundstück liegen gelassen.


Mittlerweile schien die Sonne und es wurde heißer und schwüler. Ständig flogen uns irgendwelche Brummer um den Kopf, von denen man nicht genau sagen konnte, ob es dicke Mücken, Bremsen oder einfach nur harmlose Fliegen waren. Glücklicherweise hatte ich mein Mückenspray dabei und wir dieselten uns ein, um auf Nummer Sicher zu gehen. So konnte man dann auch endlich mal in Ruhe den Blick ins Tal genießen.


Pino hatte durch Zufall im Vorjahr einen Fund gemacht, als er mit der großen Gruppe anlässlich der Wiedereröffnung der Cavendish Road unterwegs war. Er hatte es damals nicht mitgenommen, sondern sicher abgelegt und nun umgehend wieder gefunden. Vermutlich ein Teil einer Munitionskiste. 


Im weiteren Verlauf kamen wir dann an eine Stelle, an der die ursprüngliche Strecke noch nicht freigeschnitten wurde und versperrt ist. Der Weg nimmt eine anderen Verlauf. Pino wusste nicht, ob irgendwann in Zukunft dieser Teil noch passierbar gemacht werden soll. 


Auf dem Weg ging es bis hierhin langsam aber stetig bergan, nun hatten wir auf knapp 500 Metern das Ende des Anstiegs erreicht und wanderten bis zu unserem Zwischenstopp mehr oder weniger auf dieser Höhe weiter. Nach gut 2 Stunden und kurz vor unserem Mittagsziel blieben wir an einem Baum stehen. Es war eine Platane, die einzige hier weit und breit. Man erzählt sich die Geschichte, dass nach dem Krieg ein polnischer Soldat hierher zurück kam und eine Platane pflanzte, zum Dank, dass er die Schlacht und den Krieg überlebt hatte. Der Baum wäre demnach gut 70 Jahre alt.


Am nächsten Tag entdeckte ich tatsächlich noch eine weitere Platane: in der Stadt gibt es an der Kreuzung Via Abruzzi / Via Molise - eine, die deutlich größer ist als die an der Cavendish Road und die den Krieg sogar überstanden hat. Ich mag die Geschichte mit dem polnischen Soldaten und der Platane und denke, dass sie wahr ist ...

Nun war es nur noch ein kurzes Stück und wir mussten uns nun in der Nähe des "Madras Circus" befinden. "Madras Circus" war die Bezeichnung für das Plateau unterhalb des Colle Maiola. Hier war ein Sammelpunkt für Fahrzeuge und Infanterie, da das Gelände ab hier für Panzerbewegungen geeignet war.


Nach insgesamt zweieinhalb Stunden einer gemütlichen Wanderung (es waren bis hierhin knapp 5 km) erreichten wir dann unser Etappenziel: das Panzerwrack des "Sultan" von Leutnant Bialecki. Lange vergessenes und seit kurzem wieder entdecktes Denkmal. Für die Polen ist es das Pomnik Pulku 4 Pancernego "Skorpion" - das Denkmal des 4. Panzerregiments "Skorpion". Bei den Italienern oft "Carro Polacco" oder eben das "Polish Tank Memorial".


Das Tank Memorial ist für mich das ergreifenste Denkmal in und um Cassino. Der Sherman brannte aus, nachdem er am 12. Mai 1944 auf eine Mine fuhr. Von der fünfköpfigen Crew überlebte niemand. Das Wrack blieb seitdem unverändert an Ort und Stelle und nach dem Krieg errichteten polnische Pioniere daraus das Denkmal, das 1946 eingeweiht wurde.


Im folgenden Teil erzähle ich Euch, was die Gartenschere damit zu tun hat, dass wir das Phantom House gefunden haben ....






28. August 2015

Buchvorstellung: The Battles for Monte Cassino - Then and Now


Meine erste Bücherschrank-Vorstellung war der Osprey-Campaign-Band über die Cassino-Schlachten gewesen. Ich hatte das Buch ausgewählt, weil die meisten von Euch die Osprey-Reihe kennen und sich daher für das Buch interessieren.

Als zweites Buch möchte ich Euch "The Battles for Monte Cassino - Then and Now" von Jeffrey Plowman und Perry Rowe vorstellen. Das Buch ist bei After the Battle in England erschienen. Ich glaube, wenn ich mich für ein Buch entscheiden müsste, dann wäre es definitiv dieses hier! Das Buch ist mit seinen 408 Seiten und über 1.000 Bildern ein einzigartiger Schatz.

After the Battle ist ein englischer Verlag, der ein gleichnamiges Magazin und auch eine ganze Reihe von Büchern herausbringt. Das Besondere an den Publikationen ist die Gegenüberstellung von historischen Fotos mit denen von heute. Dabei gelingt es den Autoren meistens, eine nahezu gleiche Kameraperspektive einzunehmen, so dass man tatsächlich die Bilder "then and now" vergleichen kann. Dazu ist natürlich eine  Menge Recherche und Einsatz erforderlich. Und das merkt man an dem Band über Cassino ganz besonders.

Jeffrey Plowman und Perry Rowe sind zwei Neuseeländer, die in jahrelanger Arbeit in Archiven und während ihrer Besuche vor Ort eine unglaubliche Menge an Bildern, Karten und Informationen zusammengetragen haben. Das Buch gliedert sich in acht Teile:

Teil 1 gibt eine Einführung in den Kriegschauplatz Italien von der Landung in Sizilien bis zum Erreichen des Volturno. Danach gehen die Autoren auf die Rettung der Kunstschätze des Klosters ein und geben in zahlreichen Bildern einen Eindruck von der Stadt vor der Zerstörung.

In Teil 2 schildern sie die ersten Angriffe der Engländer und Amerikaner auf die Gustav-Linie. Das Desaster der 36. (US) Inf. Div. am Rapido wird über mehrere Seiten beschrieben, bevor sie in Teil 3 dann auf die erste Schlacht eingehen. Auch in diesem Buch beginnt - abweichend von der üblichen Gliederung - die erste Schlacht mit dem Angriffen des CEF und der 34. (US) Inf. Div.

In den Teilen 4 bis 6 folgen dann auf über 220 Seiten die weiteren Schlachten.


Die Seiten, die ich Euch hier als Beispiele zeige, geben die Vielfalt der Illustrationen wieder: es gibt kurze Portraits von Soldaten (auf dem folgenden Bild von Angehörigen der 1. Fallschirmjägerdivision), alle Bilder sind mit einem Text erläutert und geben weiterführende oder ergänzende Informationen zum eigentlichen Haupttext.


Karten runden das Ganze ab:


Oder auch sehr detaillierte Order of Battle-Aufstellungen, die sogar Kommandeure auf Bataillons-Ebene erwähnen oder an anderer Stelle eine Listen mit Ritterkreuz-Verleihungen an Soldaten der 1. Fallschirmjäger-Division.



In Teil 7 und 8 gehen Plowman und Rowe dann noch auf die Ereignisse nach dem Durchbruch durch die Gustav-Linie ein und enden ihre Beschreibung mit der Einnahme von Rom.


Großartig ist am Schluss auch das umfangreiche Bildquellenverzeichnis und der elfseitige Index, der einem das Auffinden von Orten, Personen und Einheiten erleichtert.


Das Buch ist für mich mittlerweile zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk geworden und immer wieder bin ich erstaunt über den Umfang und die Details. Ich kenne kein anderes Buch, in dem man so viele historische Fotos und Informationen finden kann. Die Materialfülle macht das Ganze sicherlich manchmal auch etwas unübersichtlich, allerdings hat mich der Index so gut wie nie im Stich gelassen. Grundsätzlich würde ich das Buch nicht unbedingt zum Durchlesen empfehlen, sondern es als Foto- und Materialsammlung und als Referenz nutzen. 

Beim Lesen und Durchblättern bekommt man natürlich immer wieder Lust, selbst die Plätze aufzusuchen, an denen die Fotos entstanden sind. Wenn man die Bilderläuterungen von Plowman und Rowe liest, bekommt man einige wertvolle Tipps, was sich lohnt und womit man rechnen kann oder muss. So großartig das Buch für die Planung ist, so wenig geeignet ist es allerdings, es mit auf die konkrete Entdeckungs- und Erkundungstour zu nehmen: es ist einfach vom Format her zu groß und zu schwer.

Also, wenn ihr Euch für Cassino interessiert: dies Buch hier ist ein absolutes Muss! 

The Battles for Monte Cassino - Then And Now.
Jeffrey Plowman / Perry Rowe. After the Battle, 2011
Das Buch kostet auf der AtB-Seite 44,95 GBP, ist aber bei einigen Online-Händler auch günstiger zu bekommen...

PS:
Perry Rowe kann man übrigens auf Facebook kontaktieren:
https://www.facebook.com/perry.rowe.92?fref=ts
Jeff Plowman hat eine eigene Webseite:
http://kiwisinarmour.hobbyvista.com/



25. August 2015

Wojtek - The Soldier Bear (Video)

Ich möchte mit Euch ein kleines Video teilen. Es ist Marianna Raskin's Abschlussprojekt  am Shenkar College of Engineering and Design in Ramat Gan, Israel und erzählt die Geschichte von Wojtek, dem Soldatenbären. Ich werde bestimmt später einmal einen Post über Wojtek schreiben und seine unglaubliche Geschichte etwas genauer erzählen. Doch erst einmal dieses Video hier.


Wojtek - The Soldier Bear from marianna on Vimeo.

14. August 2015

Buchvorstellung: Cassino 1944 - Breaking the Gustav Line (Osprey Campaign)

Es ist ja eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal einen Artikel hier im Blog gepostet habe. Mein Interesse hat sich seitdem sehr auf die Cassino-Schlachten verlagert. 2013 und 2014 war ich vor Ort, um mir das Schlachtfeld anzusehen und hatte dabei einige sehr interessante Entdeckungen und Begegnungen. In diesem Jahr werde ich zum dritten Mal nach Cassino fahren. Mittlerweile habe ich so einige Bücher zum Thema in meinem Schrank stehen und möchte Euch ein paar davon in der nächsten Zeit vorstellen.

Den Anfang mache ich mit "Cassino 1944 - Breaking the Gustav Line" von Ken Ford. Das Buch ist bei Osprey Publishing in der Campaign-Reihe erschienen.


Das Buch ist ein typisches Osprey-Campaign-Heft: mit knapp 100 Seiten folgt es der üblichen inhaltlichen Struktur, den Leser der Osprey-Reihe kennen (Origins, Chronology, Opposing Commanders, Opposing Armies, Plans, sowie der Beschreibung der vier Cassino-Schlachten). Ken Ford ist Autor von etwas mehr als 20 Osprey-Publikationen. Alle seine Bücher beschäftigen sich mit dem Zweiten Weltkrieg. Howard Gerrard gehört zu den bekanntesten Osprey-Illustratoren und hat für den Band die doppelseitigen Bilder gezeichnet und koloriert.


Die Stärke der Osprey-Campaign-Bände besteht sicherlich in der Zusammenstellung von Fotos, Karten und Text, die dem Leser schnell das Wesentliche einer Kampagne oder Schlacht vermitteln sollen. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Sammlern der verschiedenen Osprey-Reihen, die damit dann eine sehr umfassende Bibliothek zum Thema Militärgeschichte haben.


Besonderes Feature in diesem Band sind drei 3D-Karten, die eine Menge Informationen auf einen Blick liefern. Dadurch werden sie aber auch etwas unübersichtlich und man braucht etwas, um sich in die Karte "einzulesen", insbesondere jemand, der sich zum ersten Mal mit Cassino beschäftigt. Ein sehr ärgerliches Detail ist der - für Osprey-Bände typische und gut gemeinte - Druck über eine Doppelseite. Die Karten sind durch den Bundsteg getrennt und manches bleibt dabei verdeckt oder verzerrt. Die drei Karten in diesem Band sind:
  1. II Corps Attack 24. Jan - 12. Feb
  2. Third Battle 12. - 19. March
  3. Polish II Corps captures the Monastery 11. - 18. May
Die anderen Schlachtabschnitte sind mit "normalen" Karten gut illustriert.

Howard Gerrard hat die drei farbigen Illustrationen in dem Band gezeichnet, die ebenfalls über zwei Seiten gedruckt sind:
  1. American Infantry and Tank Attack across the Rapido Valley (p 46/47)
  2. German Paratrooper defending Cassino Town (p 66/67)
  3. Polish Infantry fighting along Snakeshead Ridge (p 82/83)
Sie geben drei bekannte Ausschnitte aus den Kampfhandlungen wieder; ich finde sie künstlerisch und von der szenischen Darstellung her Geschmackssache und wenig beeindruckend. Niemand wird sich jedoch das Buch deswegen kaufen (obwohl die 3D-Karten und die Illustrationen auf der Rückseite von jedem Osprey-Band angepriesen werden und diese ein typisches Osprey-Zeichen sind). Warum Gerrard als Panzerfahrzeug nicht das bekannte Sturmgeschütz ausgewählt hat, sondern einen PzKw IV ins Bild setzt, ist merkwürdig: das StuGIII sieht man recht oft auf Bildern aus der dritten Cassino-Schlacht, während die Tatsache, dass es noch einen weiteren Panzer gab - tatsächlich einen PzKw IV - echtes Spezialisten-Wissen ist.


Mit dem PzKw IV liegt Osprey hier also richtig, allerdings haben sich in den Band ein paar Fehler und Nachlässigkeiten eingeschlichen, die man nur dann erkennt, wenn man sich schon ein wenig in die Materie eingelesen hat. Und das ist zugegebener Maßen beim Thema Cassino nicht ganz so einfach.

Positiv an dem Band finde ich, dass Ken Ford hier ein guter Gesamtüberblick über die Cassino-Schlachten gelingt und er sie im Kontext mit der Landung bei Anzio beschreibt. Allerdings führt das Format der Campaign-Reihe dazu, dass die Komplexität der Ereignisse verkürzt und hin und wieder missverständlich wiedergegeben wird. Auch das wird nicht jedem auffallen, geschweige denn stören. Die vier Cassino-Schlachten mit einer Dauer von vier Monaten in einem einzigen Campaign-Band zu beschreiben, wird letztlich allerdings dem Ablauf und der Bedeutung der Schlachten nicht gerecht (für den D-Day hingegen gibt es in der Campaign-Reihe vier Bücher für die einzelnen Strandabschnitte).

Leider offenbart der Band bei näherer Betrachtung, wie bereits erwähnt, Schwächen und Fehler: so sind die Order of Battle für Cassino und Anzio in einer Aufstellung zusammengefasst, unvollständig und zeitlich nicht gegliedert; dadurch bleibt die Reihenfolge, wie die einzelnen Verbände in das Schlachtgeschehen eingegriffen haben, unberücksichtigt und der Nutzen begrenzt. Fehler bei den Kommandeuren gibt es zudem auch (bei der 44. Inf. Div. wird fälschlicherweise Bayer als Kommandeur genannt). Die Tatsache, dass das Polish II Corps komplett in der Aufstellung fehlt, kann man nur als unerklärliche Nachlässigkeit bezeichnen.

Ken Ford beginnt die Beschreibung der ersten Schlacht mit der Offensive des II Corps und des Corps Expéditionnaire Français (CEF) und verlagert die tragische Offensive der 36. Inf. Div. und des Britischen Korps vor den Beginn der ersten Schlacht und folgt damit nicht der üblichen Gliederung der Abläufe. Die gestaffelte Offensive, mit dem Britischen Korps am linken Frontabschnitt bis hin zu den Franzosen am rechten Abschnitt, IST letztlich die erste Schlacht von Cassino. Hier schafft Ford unnötige Verwirrung in einer sowieso schon schwer zu durchschauenden Kampagne.

Sehr gut ist dann die Einordnung der Landung bei Anzio am 22. Januar 1944 im Zusammenhang mit den Ereignissen im Kampfraum Cassino. Die erste Cassino-Schlacht beginnt bei Ford mit der Offensive der 34. (US) Inf. Div. nördlich der Stadt und wird ergänzt durch die Beschreibung des Ausbruchsversuchs der Alliierten bei Anzio.

Auch wenn die Entscheidung für die Bombardierung des Klosters verkürzt dargestellt werden, so ist der Verlauf doch genau genug wiedergegeben, um das Unglück und die Tragik zu erfassen, die in der zweiten Cassino-Schlacht liegen. Ebenso kann man das Chaos und das verbitterte Ringen um die Ruinen der Stadt in der dritten Schlacht nachvollziehen.

Bei der Operation DIADEM in der vierten Schlacht wird die Rolle des CEF nicht ihrer Bedeutung entsprechend dargestellt: weder im Positiven, was den eigentlichen Durchbruch durch die Gustav-Linie angeht (immerhin der Untertitel des Bandes!), noch im Negativen: die sogenannte "Marocchinate" - die Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und die Massenvergewaltigungen - werden nicht einmal erwähnt. Auch Clarks fatale Entscheidung, seine Truppen auf Rom zu lenken, um vor der anstehenden Landung in der Normandie für sich noch einen Publicity-Erfolg zu erzielen, und die es den Truppen der deutschen 10. Armee ermöglichte, der Einkesselung zu entgehen, wird viel zu harmlos und nüchtern dargestellt.

Mein Fazit: Das Buch eignet sich eher Sammler der Campaign-Reihe, die sich im typischen Osprey-Stil die wichtigsten Ereignisse anlesen wollen und dabei den ein oder anderen Fehler in Kauf nehmen. Sicherlich kann man den Band auch gut bei einem Besuch auf dem Schlachtfeld dabei haben, um die Karten als Erinnerungsstütze nutzen. Für diejenigen, die sich näher mit Cassino beschäftigen wollen, gibt es andere - und bessere - Bücher.

Cassino 1944 - Breaking the Gustav Line. Campaign 134. 
Osprey Publishing, 2004.
Ken Ford - Illustrated by Howard Gerrard. 98 Seiten, GBP 14,99